Mit kleinen Kathetern durch Blutbahnen, die einen halben Millimeter Durchmesser haben. Das ist keine Zukunftsmusik mehr, sondern Klinikalltag. Die Mini-Lebensretter sind nicht mehr wegzudenken.
Viele neurologische Erkrankungen der Gehirnund Rückenmarksgefäße lassen sich heute über die Blutgefäße von innen behandeln und können den operativen Eingriff ersetzen. Dabei werden Mikrokatheter über die Leistenarterie und die Halsschlagader ins Zielgebiet geführt, mithilfe von Durchleuchtungstechnik und Kontrastmitteln. Mit den bis zu 1,5 Meter langen Hirnkathetern lassen sich Gefäße mit einem Durchmesser von 0,5 Millimeter erreichen. Es braucht viel Erfahrung, um die Katheter am richtigen Ort zu platzieren, denn der Weg geht durch feinste empfindliche Blutbahnen und viele Gefäßabzweigungen.
Abbildung auf der rechten Seite: Das linke Angiogramm zeigt eine Gefäßverengung der hirnversorgenden linken Hauptarterie (Kreis links), die zum Schlaganfall führen kann. Durch die Implantation eines Stents mithilfe eines Hirnballonkatheters (Kreis Mitte) wird das Gefäß erweitert, das Blut kann wieder ungehindert zirkulieren (rechter Kreis).
Schlaganfall rechtzeitig verhindern
Mithilfe dieser Methode können Gefäße sowohl geöffnet als auch geschlossen werden. Beim akuten Schlaganfall etwa wird der Gefäßengpass mit Medikamenten oder Miniballons behandelt, die das Gefäß erweitern, das gleichzeitig oft mit Stents stabilisiert wird. Bei Patienten mit Warnsymptomen, etwa Sprachausfälle, kann der Schlaganfall dank dieser Methode rechtzeitig verhindert werden.
Eingriffe zum Verschluss von Gefäßen sind erfolgreich bei Gefäßmissbildungen und Aneurysmen, das sind Aussackungen an Arterien, die platzen und zu tödlicher Hirnblutung führen können. Dabei wird das Aneurysma mit einem Mikrokathetersystem sondiert, mit feinsten Platindrähten ausgefüllt und damit verschlossen.
Bessere Überlebenschancen
Auch Blutschwämme, sogenannte Angiome, die durch Kurzschlüsse zwischen Arterien und Venen entstehen, können auf diese Weise behandelt werden. Diese «Zeitbomben» entschärft der Neuroradiologe, indem er das krankhafte Gefäßgeflecht mit Platinspiralen oder speziellen Gewebeklebern verschließt, auch in Kombination mit einem Stent zur Gefäßunterstützung.
Etwa 8.000 Deutsche pro Jahr sind von einer Hirnblutung betroffen, jeder Zweite stirbt daran und von den Überlebenden behalten viele lebenslange Behinderungen zurück. Mit dem Verfahren der interventionellen Radiologie erhöhen sich die Überlebenschancen der Patienten deutlich. Nur es muss schneller als schnell gehen
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« Neuropädiatrie ist trotz aller Hightech sehr oft eine sprechende Medizin. »
Prof. Dr. Thorsten Rosenbaum, Chefarzt der Klinik für Kinderheilkunde und Jugendmedizin im Klinikum Duisburg. Dort unterhält er die deutschlandweit größte Ambulanz für Kinder und Jugendliche mit Neurofibromatose.
E-Mail: thorsten.rosenbaum@klinikum-duisburg.de, Telefon: 0203 733-3201
Epilepsien und Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen bei Kindern, gefolgt von Entwicklungsstörungen und Hirntumoren. Anders als bei Erwachsenen wächst das Gehirn der kleinen Patienten noch — ein Grund, warum sie eine spezielle neurologische Behandlung brauchen. Die zunehmende Bedeutung der Neuropädiatrie ist auch eine Folge der Fortschritte in der Frühgeborenen-Medizin, sagt der Neuropädiater Thorsten Rosenbaum: " Frühgeborene haben heute gute Überlebenschancen, aber wegen der Unreife des Gehirns leiden sie später oft unter neurologischen Entwicklungsstörungen. " Die Diagnose und Therapie bei neurologisch erkrankten Kindern braucht viel Zeit und bedarf der Zusammenarbeit mit anderen neurologischen Fachdisziplinen, besonders der Neurochirurgie und -radiologie. " Ohne Kernspintomografie könnten wir eine Hirnentwicklungsstörung nicht sicher diagnostizieren ", erklärt Rosenbaum. " Und natürlich muss der radiologische Befund die Dynamik der Hirnentwicklung berücksichtigen, was viel Erfahrung in der Beurteilung voraussetzt. "
Auch Rosenbaums Spezialgebiet, die Neurofibromatose, erfordert interdisziplinäre Teamarbeit. Diese erblich bedingte neurologische Erkrankung führt unter anderem zu Tumoren des peripheren Nervensystems, die zwar meist gutartig, aber häufig sehr entstellend sind. Gemeinsam mit Neuroradiologen und -chirurgen berät sich Rosenbaum, ob eine Entfernung des Tumors sinnvoll oder zu riskant ist. Kinder sind auch deshalb ganz besondere Patienten, weil das ganze Leben noch vor ihnen liegt. Umso wichtiger, für sie die bestmögliche Therapie zu gewährleisten und für ihre Eltern die optimale Beratung.
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Kopfschmerzen und Migräne Die Attacken werden von Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet. Bis zu 70 Prozent der Bevölkerung leiden unter immer wieder auftretenden Spannungskopfschmerzen, 17 Prozent unter Migräne und vier Prozent unter chronischen Kopfschmerzen.
Chronische Rückenschmerzen Die Rückenschmerzen dauern zwölf Wochen oder länger an. Nicht jeder Rückenschmerz ist neurologisch, braucht aber in jedem Fall eine neurologische Abklärung. Betroffen sind 22 Prozent der Frauen und 15 Prozent der Männer.
Ischämischer Schlaganfall Verschlossene Blutgefäße führen zu plötzlicher Durchblutungsstörung im Gehirn, es kommt zu Lähmungen, Sprachund Bewegungsstörungen. Jährlich erleiden 1,6 bis 2,4 Prozent der Deutschen einen Schlaganfall. Mit 9,5 Prozent ist der Schlaganfall eine der häufigsten Todesursachen.
Hirnblutung Durch teils massive Blutungen in das Gehirn hinein kommt es zu Schädigung und Absterben von Gehirnteilen. Hirnblutungen sind die zweithäufigste Ursache für einen Schlaganfall. Die Ursachen sind meist Bluthochdruck oder Rauchen, Alkohol und Drogen. Betroffen sind 0,07 bis 0,15 Prozent der Bevölkerung.
Epilepsie Krampfanfälle, die mit starken Entladungen von Nervenzellen im Gehirn einhergehen und auf einzelne Hirnregionen oder das gesamte Gehirn übergreifen. An dieser schweren neurologischen Erkrankung leiden 0,5 bis ein Prozent der Bevölkerung und bis zu fünf Prozent an einmalig auftretenden epileptischen Anfällen.
Demenzen Infolge degenerativer Hirnerkrankungen kommt es zu Gedächtnisstörungen und einer Einschränkung des Denkvermögens. Häufigste Formen sind Alzheimer- und Gefäßerkrankungen. Demenzen treten bei zwei bis drei Prozent der über 65-Jährigen und 24 bis 50 Prozent der über 85-Jährigen auf.
Parkinson-Krankheit Durch fortschreitenden Ausfall des Gehirnbotenstoffs Dopamin kommt es zu Bewegungsstörungen in Form von Zittern, Muskelstarre oder Bewegungsarmut. Hierzulande gibt es 0,1 bis 0,2 Prozent Erkrankte, bei den über 65-Jährigen steigt die Häufigkeit auf bis zu 1,8 Prozent an.
Schädel-Hirn-Trauma und Querschnittslähmungen Zu 80 Prozent sind diese Verletzungen des Gehirns oder Rückenmarks Unfallfolgen. Bei schwerem Schädel-Hirn-Trauma folgt oft ein längeres Koma, 30 bis 40 Prozent der Betroffenen versterben. Jährlich erleiden knapp 0,2 Prozent der Bevölkerung ein Schädel-Hirn-Trauma.
Multiple Sklerose Durch Angriff des eigenen Immunsystems werden Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark zerstört. MS schreitet meist schubförmig mit zunehmenden Lähmungen fort und ist die häufigste neurologische Erkrankung mit bleibender Behinderung im jungen Erwachsenenalter. In Deutschland gibt es etwa 120.000 Erkrankte.
Gehirntumore Diese Tumore sind häufig bösartig und gehen meistens vom Stützgewebe des Hirns aus. Auch Metastasen bilden sich oft im Gehirn. Selbst gutartige Gehirntumore sind gefährlich, weil sie überlebenswichtige Strukturen im Hirn zerstören können. Pro Jahr erkranken in Deutschland etwa 8.000 Menschen an primären Gehirntumoren.
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Wer entscheidet über Leben und Tod? Neurologen, Patienten oder Angehörige? Ein ethisches Dilemma, das fast unlösbar scheint.
Bei schweren Schädel- und Hirnverletzungen oder auch Gehirntumoren im Endstadium stellt sich die Frage, ob ein Lebenserhalt um jeden Preis gerechtfertigt ist. Welches Therapieziel soll im Sinne des Patienten verfolgt werden? Oft haben Stellvertreter die Entscheidung zu treffen, wie Bevollmächtigte oder Betreuer. Wie schwierig das Finden einer ethisch vertretbaren Antwort ist, zeigt die öffentliche Diskussion. Dank des medizinischen Fortschritts überleben immer mehr Menschen schwere Unfälle oder Erkrankungen — allerdings mit massiven Gehirnschäden. Wenn Bewusstsein und Äußerungsmöglichkeiten fehlen, sind Therapieentscheidungen besonders schwierig, weil der oberste Maßstab dafür — der Wille des Patienten — nicht mehr sicher zu ermitteln ist.
« Meine Verfügung soll gelten, wenn ich mich im Endstadium einer unheilbaren, tödlich verlaufenden Krankheit... und im unmittelbaren Sterbeprozess befinde. »
Vorlage zur Patientenverfügung, Bundesministerium für Justiz
Liegt jedoch eine Patientenverfügung vor, ist der darin geäußerte Wunsch bezüglich lebensverlängernder Maßnahmen für den Arzt und die Angehörigen bindend. Diese Regelung gilt seit 2009 und wertet die Selbstbestimmung des Patienten auf. Rund neun Millionen Deutsche haben bislang eine Patientenverfügung verfasst.
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Neurologie wird mitunter als Schlüsselmedizin des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Woher kommt dieser Bedeutungszuwachs?
Nacimiento: Zum einen hat sich die Zahl der Patienten in der Neurologie als Folge der alternden Gesellschaft in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Zum anderen hat sich die Neurologie innerhalb des gleichen Zeitraums von einer traditionell eher diagnostischen in eine therapeutische Disziplin verwandelt. Durch neue bildgebende Techniken, Medikamente und Operationsverfahren sind die Behandlungsmöglichkeiten rasant gewachsen. Der Schlaganfall etwa kann gemeinsam mit den Neuroradiologen heute in einer sehr frühen Phase in seinem ursächlichen Zusammenhang präzise diagnostiziert und gezielt therapiert werden. Das funktioniert aber nur dank einer engen fachübergreifenden Zusammenarbeit.
Wie sieht diese Teamarbeit konkret aus?
Brassel: Bei Patienten mit Schlaganfall entscheiden wir gemeinsam auf Grundlage der Befunde, ob wir sie konservativ, neurochirurgisch oder gefäßchirurgisch behandeln. In manchen Fällen empfiehlt sich ein neuroradiologischer Eingriff. Dann öffnen wir die verschlossenen Hirngefäße mithilfe eines Mikrokatheters, der über die Leiste in die Hauptschlagader bis zum betroffenen Bereich im Gehirn geführt wird. In anderen Fällen ist eine neurochirurgische Operation der bessere Weg. Entsprechende Fragen klären wir hier zügig gemeinsam, damit hat letztlich jeder Einzelne auch mehr Sicherheit, das Richtige für den Patienten zu tun.

« Die Neuroradiologie öffnet neue medizinische Horizonte. Mikrokatheter werden über die Leiste in die Hauptschlagader bis zur betroffenen Region des Gehirns geführt. »
Prof. Dr. Friedhelm Brassel, Chefarzt der Radiologie und Neuroradiologie, E-Mail: f.brassel@klinikum-duisburg.de, Telefon: 0203 733-2700
Scholz: Ohne das enge Zusammenspiel zwischen Neurologie, Neuroradiologie und Neurochirurgie könnten wir heute gar nicht mehr sinnvoll arbeiten. Dank der bildgebenden Verfahren planen und simulieren wir neurochirurgische Operationen millimetergenau, um sicherzugehen, dass lebenswichtige Hirnstrukturen beim Eingriff geschont werden. Bei Hirntumoren ist es mitunter sinnvoll, dass die tumorversorgenden Gefäße vor der Operation über den Mikrokatheter verschlossen werden. Dann kann der Neurochirurg den Tumor rasch und recht unblutig entfernen. Auch während des operativen Eingriffs ist die Bildgebung gefragt, etwa um Reste eines Tumors per Ultraschall zu orten. Wir sind also täglich aufeinander angewiesen, aber jeder muss sein spezielles Handwerk beherrschen.
In der Neurologie gehört der Umgang mit schwer- und schwerstkranken Patienten zum Alltag. Wie bewältigen Sie diese Situation?
Nacimiento: Auch hier ist die Vernetzung hilfreich. Wir arbeiten in direkter Nachbarschaft zur neurologischen Frührehabilitation. Dort werden Patienten mit schweren Erkrankungen wie Schädel-Hirn-Trauma, Schlaganfall oder Wachkoma von einem multiprofessionellen Team betreut. Im Durchschnitt sind Patienten dort zwei Monate. Ein Zeitraum, in dem immer wieder kontrolliert wird, ob sich eine Besserung eingestellt hat oder die Versorgung eher in palliative Richtung gehen muss. Dabei gilt es, mit den Angehörigen sorgfältig abzuwägen, was medizinisch machbar ist und was dem Willen des Patienten entspricht. Bei solchen schwierigen Entscheidungen beraten wir uns auch mit der hausinternen Ethikkommission, zu der Ärzte, Therapeuten, Pflegekräfte und Seelsorger gehören.

« In der Neurologie bewegen wir uns ständig im Spannungsfeld zwischen dem, was medizinisch möglich ist, und dem, was ethisch sinnvoll ist. Entscheidend ist der Wille des Patienten. »
Prof. Dr. Wilhelm Nacimiento, Chefarzt der Neurologie und Neurologischen Frührehabilitation, E-Mail: w.nacimiento@klinikum-duisburg.de, Telefon: 0203 733-2500
Vor welchen Herausforderungen stehen die neurologischen Fachbereiche in den kommenden Jahren?
Scholz: Im stationären Bereich wird es künftig schwierig werden, genug Ärzte zu bekommen. Einerseits ist der Bedarf an neurologischer Versorgung stark gestiegen, andererseits ist die Zahl der Medizinstudenten seit Jahren rückläufig. Außerdem wandern immer mehr junge Mediziner ins Ausland ab oder arbeiten in medizinfremden Berufen. Wir haben dank unseres guten Rufs das Glück, etliche Gastärzte aus dem Ausland zu beschäftigen. Insgesamt arbeiten in unserem Team neun verschiedene Nationalitäten zusammen, auf diese internationale Vernetzung sind wir stolz. Auch die Patienten profitieren davon, weil sie oft ohne Dolmetscher mit dem Arzt reden können, der sie auch kulturell besser versteht.

« Die Zahl der Neurochirurgen wird künftig nicht ausreichen, um den Bedarf an medizinischer Versorgung zu decken, der durch eine Gesellschaft entsteht, die immer älter wird. »
Prof. Dr. Martin Scholz, Chefarzt der Neurochirurgie, E-Mail: martin.scholz@klinikum-duisburg.de, Telefon: 0203 733-2400
Wohin entwickelt sich die neurologische Forschung — werden bald alle Rätsel unseres Gehirns entschlüsselt sein?
Brassel: Geheimnisse wird es in der Hirnforschung immer geben. Wir haben sozusagen stets das Ziel vor Augen, aber es läuft uns immer wieder weg. Mit jeder neuen Erkenntnis tun sich neue Fragen auf. Das ist aber auch das Schöne, was die Natur uns bietet — diese unendliche Weite des Spielfelds. Auch beim Blick in die Köpfe treffen wir mit jedem neuen Patienten auf neue anatomische oder funktionelle Varianten. Um diese Spielarten der Natur richtig einzuordnen, ist die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen absolut zwingend. Nur mit dieser Vernetzung können wir der Komplexität unseres Gegenstands — dem menschlichen Gehirn — gerecht werden.
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Schlaganfall ist weltweit die zweithäufigste Todesursache. In Duisburg arbeiten drei Spezialisten eng vernetzt, um die Patienten im Notfall besser und schneller behandeln zu können.